Kristian Sotriffer

Metamorphosen des Vergänglich-Bleibenden

Das äußere Indiz für seine Andersartigkeit bilden seine auf Ordnung und Akkuratesse ausgerichteten formalen Eigenheiten, die das Dunkle, Schwere, Unheimliche, Bedrohliche sowohl technisch als auch gestalterisch sozusagen unter Kontrolle halten. Nichts ufert bei ihm beliebig oder expressiv aus, obwohl er sich der assoziativen, assimilierend-freilegenden Vorgangsweise und dem impulsiven „Arrangement“ seiner nach und nach entwickelten Vorstellungen nicht verschließt. Sie führen in immer wieder miteinander verwandten, emblemartigen Figurationen und zwingenden Entwicklungsvorgängen zu spezifischen Topoi. Heuer löst, was die seine Arbeiten prägenden Strukturen und Erscheinungen bestimmt, nach und nach aus einem Grund heraus, der einen doppelten Boden hat: Den einen Teil bestimmt das bevorzugte technische Verfahren – die Radierung – unter Ausnützung aller durch sie ermöglichten, schichtenweise entwickelten Feinheiten; der andere wird durch die mentale Verfassung des Künstlers bestimmt, aus der heraus Ur-Bilder freigelegt werden. Es versteht sich von selbst, dass sich seine Methode des Nach-Denkens nicht zufällig mit der Methodik der von ihm bevorzugten Technik deckt.

Die allem Leben auf der Erde vorhergegangenen geologischen Vorgänge, sagte Arthur Schopenhauer, seien „in gar keinem Bewusstsein dagewesen: nicht im eigenen, weil sie keines haben; nicht in einem fremden, weil keines da war. Also hätten sie aus Mangel an jedem Subjekt gar kein objektives Dasein, das heißt, sie waren überhaupt nicht, oder was bedeutet dann noch ihr Dagewesenes ?“ Der Künstler denkt darüber anders als der Philosoph. Ihr Dagewesenes ist für ihn eine Realität. Es sind unsere Ur-Schichten, von denen wir uns immer mehr zu entfernen scheinen. Sie werden überflutet durch das, was wir Kommunikation nennen und was in uns doch nur verschüttet, wovon unser kurzes Dasein zwischen Geborenwerden und Sterben geprägt wird. Was hinterlassen wir? Ein Skelett (oder den Abdruck, die Spur davon) und ein wenig Humus für die Nachgeborenen – nur Künstler und Heilige hinterlassen mehr.

Heuers Figurationen drängen in ihrer kennzeichnenden Durchmischung heraus aus versinterten Steingebirgen und den Ablagerungen alter Meere, vermengen sich mit den phantomartigen Erscheinungen des gegenwärtig Erfahrbaren, ergeben ein Amalgam aus Abgestorben-Lebendem und Lebend-Todgeweihtem. So entstehen Abbilder der Urseele alles Seins, deren Statisches sich mit den Zuckungen des in fortdauernder Metamorphose Befindlichen verbindet. In das Alte fügt sich das nachfolgend Geborene mitunter wie ein Fremdkörper ein.

Röntgenaufnahmen vergleichbar, wird der Blick fieigelegt auf jenes Geschichtete, das aus einer Tiefe herauf führt und auf Strukturen stößt, die sein Organisches mitunter zu bedrohen, zu zersetzen, aufzulösen scheinen.

Es ist ganz ungewöhnlich und in mehrfacher Hinsicht nicht a la mode im Zeitalter der Schnell- und Großmalerei, der Tageskunst, der rasch wechselnden Reaktionen auf unsere Verworrenheiten, Bild-Vorstellungen zu erzeugen, die während eines langen Arbeitsprozesses aufireten und ausgebaut, entwickelt werden – ganz in der Art, wie Archäologen oder Paläontologen vorgehen, wenn sie einen Fund freilegen. Das Handwerk der Radierung, wie Heinrich Heuer es betreibt, fordert ein behutsames Aufarbeiten von Imaginationen heraus, die einander überlagern und durchdringen, verfilzen, und aus denen herausgefiltert werden muss, was einem bildnerischen Gedanken Form oder Struktur gibt und ihn dennoch nicht abtötet.

Heuers stupende technische Fähigkeiten bringen die Versuchung mit sich, das Prozesshafte des Hergangs einer Entwicklung in den Vordergrund zu stellen, Finessen auszuspielen, den Eigenwert des manipulativen Vorgangs zum Selbstzweck werden.zu lassen. Er begegnet ihr dadurch, das er das souveräne Beherrschen der Mittel dazu benützt, einen Dialog mit dem Verschlossenen und sich Öffnenden zu führen, Sperren zu überwinden, Symbiosen erfahrbar werden zu lassen, eine Kartographie dessen zu entwerfen, was sowohl Stoffliches wie Organisches in einen Behälter zwingt, in dem etwas entstehen kann, wodurch Amorphes, Organisches der Natur mit dem Technoiden, Mechanischen in verhalten-dynamischen Konstellationen zur neuen „Mythe“ zusammengeführt wird. Heuer liefert mit den behelfsmäßigen Kennzeichnungen seiner Arbeiten Hinweise auf diesen Gedankenweg.

Der Fremdkörper, das Apparative, Traumatische und Bedrohliche, Phantomartige fügt sich in das in einem Abdruck (im doppelten Wortsinn) aufbewahrte Zerfallene oder als Fossil vor dem restlosen Verschwinden Bewahrte in Einsinterungen und Einbettungen. Es ist auch die Schönheit des durch sein Betrachten wieder ins Leben gerufenen Sterbenden, Abgestorbenen.

So zeigt sich der „Fremdkörper“ (1987), eingeschlossen in eine Masse, die durch einen wie bei versteinerten Naturformen üblichen Schnitt geöffnet erscheint, als eine Art Urfisch. Die gekörnte Struktur des auf diese Weise „aufgeklappten“ Körpers, der uns so fremd nicht anmuten will, vor den sich allerdings undefinierbare Formteile, bandartige Fragmente schieben – diese Oberfläche entspricht der technischen Vorgangsweise in ihrer Mischung aus einem der Platte eingebrannten Staubkorn aus Harzteilchen (Aquatinta) und der Zeichnung oder den konturbildenden Eingriffen. Dazu kommen weitere, dem Kenner der damit verbundenen Verfahren Bewunderung entlockende Methoden der Feinbehandlung einer Platte, die dem Druck eine ganz andere Qualität und auch Aura verleiht, als es etwa bei einer Zeichnung möglich wäre, auch wenn bei ihr mit Schattierungen und Lavierungen operiert wird. Heuer nimmt das Thema, den „Fremdkörper“, zwei Jahre später nochmals auf und arbeitet dabei auf größerem Format mit Kreide. Die Oberflächenwirkung, das Verhältnis zur Zeichnung, der präzise vorgedachten und wohlkomponierten Formteile zu lockeren, freieren Fügungen verändern sich. Wieder handelt es sich um ein einschlußartiges, von technoid gestalteten Formen eingegrenztes fischartiges Wesen. Erneut ist es die Begegnung mit dem erdgeschichtlich längst Vergangenen, mit den in Gebirge eingebetteten Vorgeschichten unseres eigenen Seins – herausgelöst vom Blick dessen, der es zu erforschen sucht. Es erzeugt in uns einen Keim der Neugierde und des Erkennens vom Zusammenhang der Dinge. „Keime“ nennt der Künstler jenes Blatt, in dem eine ähnliche Begegnung zwischen dem Puppen- und Larvenartigen eines Lebewesens mit einer aufgerasterten, technoid anmutenden Kapsel stattfindet. Der einen ovalen Form entspricht- aus der Erde entlassen – Leben, die andere birgt vielleicht die Erkenntnis über sein Gesetzmäßiges, über molekulare, zelluläre Zusammenhänge.

Diese Erkenntnis schlägt sich nieder in der Schrift, die ihrerseits aber erst enträtselt werden will wie jene zwar lesbaren, ihre Inhalte aber nicht freigebenden Zeichen, die uns aus verschiedenen Kulturen überliefert sind, in denen man offenbar auch direkter und unmittelbarer auf Sinnzusammenhänge zu treffen schien. Immer wieder sind es diese Vernetzungen, die den Künstler dazu anregen, Schichten aufzudecken und freizulegen, in die sich unsere Gedanken einsenken können. In denen sie einen „Anker“ werfen können, durch den jenes schmetterlingartige Gebilde festgehalten zu werden scheint, das vielfach als Symbol für die Verbindung zwischen verschiedenen Formen des Lebens und seiner Zyklen auch bei anderen Künstlern auftritt – bei Heuers verehrtem Stuttgarter Lehrer Karl Rössing zum Beispiel oder bei dem Friulaner Giuseppe Zigaina, wo es zum Synonym für die aus dem Toten geborene neue Existenz wird. Gilt der Falter nicht auch als besonders empfindliche und bedrohte Kreatur, als Indikator für ein intaktes Umfeld, für intakt gebliebene Lebensketten oder deren Abreißen?

In Form von Kapseln wird der Mensch in den Weltraum geschossen, um seinen Forschungsdrang auch im All austoben zu können. Schwerelos und in Raumanzügen wieder embryo- und puppengleich schwebt die Besatzung von „Gemini“ im Kosmos. Heuer bringt das Thema der Kapsel auch in diesem Zusammenhang ins Spiel, vergleicht seine engerlingartigen Zwillinge in der „Gemini“ betitelten Farbradierung mit der beengten Wirklichkeit des Raumfahrers, der sich inmitten einer Unendlichkeit bewegt und zugleich viel von dem mitführt, was ihm auf der Mutter-Erde Geborgenheit verleiht – aber auch den Drang, sich aus der Puppe zu befreien, zum Schmetterling zu werden oder zu einer Art Ikarus, dem die Technik, derer er sich zu bedienen gelernt hat, gelegentlich die Flügel verbrennt, ihn abstürzen und eingehen lässt in jene Materie, der er entstammt. Die „Sternzeichen“, wie sie der Künstler 1989 in einer Kreidezeichnung schemenartig skizziert hat und die wieder eine Ausfahrt ins Unbekannte begleiten, könnten so gedeutet werden. Deutlich wird die Diskrepanz, wie sie ein Künstler im Nachdenken über seine Position erfährt, in seinen Reflektionen dessen, was unser aus natürlichen Lebensweisen herausgekipptes Dasein bestimmt.

„High Tech“ hat vieles zum „Relikt“ werden lassen, was zuvor von Bedeutung war und es in verdeckterer Form immer noch ist. Das Resultat ist bei Heuer eine von blitzartigen Bewegungen bestimmte Szenerie mit ihren Megastrukturen, ihren Verdrahtungen oder Verkabelungen. Die über sie vermittelten, den Erdball umkreisenden Botschafien schütten uns zu und drohen uns abzunabeln vom Dagewesensein dessen, was unser Bewusstsein einmal formen sollte und eins wissen ließ mit allem, was gewachsen, gestorben ist und in Transmutationen weitergelebt hat. Heuers „Relikte“ könnten so verstanden werden: In sie eingebettet finden wir uns selbst, sie übersehend, könnten wir uns an „Systeme“ verlieren, die künstlicher Art sind und nicht mehr kontrolliert werden können.

Auszug aus einem Beitrag für die Kulturzeitschrift „morgen“ Nr. 67/89.

Kristian Sotriffer. 1932 in Bozen geboren, war Kunstkritiker, Lektor und Autor zahlreicher Bücher. Er ist 2002 in Wien gestorben.

Eigentlich wäre ich ja lieber Förster geworden …

INTERVIEW IN DER ZEITSCHRIFT UM:DRUCK